Betrieb, Sport, Gender

Claudia Koller von 100% Sport kennt die Chancen für Genderequality im Betriebssport.

100% Sport ist das österreichische Kompetenzzentrum für Chancengleichheit. Der Verein wurde vom Sportministerium eingerichtet, um Gender Mainstreaming im Österreichischen Sport umzusetzen. Claudia Koller ist die Geschäftsführerin und erklärt im Gespräch mit Color of Sports, warum gerade der Betriebssport hierbei förderlich sein kann.

GENDEREQUALITY?
Gendermainstreaming, also das Einbringen einer Geschlechterperspektive in alle Prozesse und Entscheidungen, ist eine Strategie, um Genderequality zu erreichen“, sagt Claudia Koller. Die Umsetzung dessen ist auch Teil der österreichischen Verfassung. Der Tätigkeitsbereich von 100% Sport erstreckt sich auf ganz Österreich: „Allgemein sind wir Ansprechpartnerin und Anlaufstelle für den gesamten organisierten Sport in Österreich.“ Die Schwerpunkte ergeben sich von Seiten des Sportministeriums und basieren hauptsächlich auf EU Strategien und Empfehlungen. Im Sport sind das zur Zeit die geschlechtergerechte Gremienbesetzung, geschlechtersensible Darstellung in den Medien, Trainerpostenbesetzungen, Prävention von sexualisierter Gewalt und in den letzten Jahren auch noch Partizipation bzw. generell gleiche Teilhabe an Sport. 100% Sport Arbeitsgruppen haben dazu unterschiedlichste Maßnahmen und Strategien formuliert, um in diesen Bereichen etwas zu bewegen.

MÄNNERBÜNDE
Wer sich, beinahe Sport-unabhängig, Bilder von Sportgremien ansieht, merkt, dass diese nach wie vor stark männlich dominiert sind. Wo steht man also? „Es hängt alles zusammen. Diese unausgewogenen Geschlechterverhältnisse im Sport wirken sich in allen Bereichen aus. Es gibt nicht das eine Problem, das man isoliert bearbeiten kann.“ Die Thematik sei komplex, hänge u.a. auch mit den Männer- und Frauenbildern in der Gesellschaft zusammen. Männer-lastige Gremienbesetzung führe oft dazu, dass Interessen einseitig vertreten werden. Das zeigt sich oft in der unausgewogenen Ressourcenvergabe, TrainerInnensuche und so weiter. Man bleibe wohl auch gerne unter sich, „von alleine verändert sich in diesem Bereich wenig.“ Das lässt sich mit Zahlen untermauern. Bei olympischen Sportfachverbänden beträgt die Präsidentinnenquote in Österreich lediglich zehn Prozent, bei weiblichen Gremienmitgliedern 16.

THEMA IM BETRIEBSSPORT
Auch in Betrieben fällt auf, dass Betriebssport oftmals eingeteilt ist. Überspitzt formuliert: Den Yoga-Kurs wird man bei Montagefirmen, bei denen hauptsächlich Männer arbeiten, eher nicht finden. Aber warum eigentlich nicht? Gibt es viele, die sich für Fußball interessieren, gibt es in der Praxis eben dieses Angebot. Das heißt aber nicht zwingend, dass eben ‘klassische’ Männer- oder Frauensportarten angeboten werden sollen“, sagt Koller dazu. „Yoga tut auch Männern gut und Fußball macht auch Frauen Spaß. Die Herausforderung dabei ist, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit zu bieten jenseits von tradierten Geschlechterrollen an gesundheitsförderlichen, ausgleichschaffenden und freundvollen Bewegungsprogrammen teilzunehmen, ohne Angst haben zu müssen, sich zu blamieren oder vor den KollegInnen bloß gestellt zu werden. Man könne letztlich auch nicht nur zwischen Männern und Frauen unterscheiden. „Es ist im Betriebssport extrem interessant, das Ganze aus einer intersektionalen Perspektive zu betrachten“, meint die Expertin. Schließlich gebe es auch innerhalb der Geschlechtergruppen große Unterschiede. „Die Frage ist, wo man hin will. Es gibt Interessen des Betriebssportverbandes, des Betriebes, der Angestellten. Die Herausforderung aus Genderequality Sicht ist, wie es gelingen kann, den unterschiedlichen Bedürfnissen dieser AkteurInnen nachzukommen.

FÜR ALLE
Hinter der Frage, warum jemand nicht an Betriebssport interessiert sei, stünden oft viele weitere Fragen. „Oft ist es nicht spannend, egal für wen, ein Angebot anzunehmen. Nicht jeder Mann läuft automatisch gleich zum Fußballtraining.“ Die Frage, warum jemand ein Angebot wahr nimmt oder nicht, ist zu stellen. „Wie kann ich meine Kurse so gestalten, dass es für alle ein sicherer und freudvoller Ort ist?“, formuliert Koller die entscheidende Frage. Schließlich hilft der Betriebssport generell, das Klima im Betrieb zu verbessern und klug eingesetzte Maßnahmen, die Genderthemen mitbedenken, können das Betriebsklima noch einmal nachhaltiger verbessern.

SEHR KOMPLEX
Claudia Koller weiß aber auch: „Manche Themen sind so stark verwoben, dass es eine komplexe Problemlösungsstrategie braucht.“ Es wäre nicht selbstverständlich, dass Organisationen Dinge verändern wollen, Sport kann dabei ein Mittel sein, um zu unterstützen, Gräben zu schließen und aufeinander zu zu kommen. Noch gebe es viel zu tun. 100% Sport will die Sportverbände und somit auch den Betriebssport und die Betriebe selbst dabei unterstützen: „Ich denke, dass all diese Themen in Zukunft automatisch mitgedacht werden. Es braucht kleine, gut verdaubare Schritte gemeinsam mit den Organisationen, Genderequality zu implementieren.“

FOTO: Getty Images

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