Fair oder Farce?

Color of Sports hat mit den Verbänden über die neue Sportförderung gesprochen.

Es kann nicht nur Gewinner geben. Clemens Trimmel sprach aus, was unvermeidbar ist: Egal, welche Beurteilungskriterien zum Einsatz kommen, manche Verbände werden besser, manche schlechter abschneiden. Color of Sports ging daher der Frage nach, ob sich die Verbände gerecht beurteilt gefühlt haben oder nicht. Die Reaktionen fielen naturgemäß unterschiedlich aus.

„KEINE EXISTENZÄNGSTE“
Für BSO-Präsident Rudolf Hundstorfer braucht es zunächst eine Analysephase, um die aktuelle Sportförderung wirklich genau beurteilen zu können: „Es sind nun erstmals Förderhöhen bekannt. Diese können vor allem für kleinere Verbände durchaus gravierende Auswirkung haben, dies gilt es nun abzuwarten und zu analysieren. Für uns ist jedenfalls wichtig, dass kein Verband Existenzängste haben muss. Dazu zählt, dass wir uns für den Erhalt einer athletenspezifischen Spitzensportförderung auch für nichtolympische Bewerbe starkgemacht haben. Denn Leistung muss honoriert werden, egal ob es sich um einen olympischen oder nichtolympischen Bewerb handelt.“

„MATRIX-VERFAHREN FAIR“
Der Ruderverband zählt zu den Gewinnern der Matrix. Dementsprechend ist auch Norbert Lambing, Sportdirektor des Österreichischen Ruderverbandes, positiver Stimmung: „Das Matrix-Verfahren an sich war übersichtlich und fair. Es wurde ein Tool geschaffen, um die Verbände anhand der Kriterien zu bewerten. So gesehen haben hier die Mitarbeiter eine gute Arbeit geleistet. Auch die ca. 2,4 Millionen, die dank Sportminister Strache zusätzlich freigemacht wurden, haben dazu geführt, dass dieses Fördersystem einen positiven Start hatte. Sonst hätten sogar die erfolgreichen Verbände bei Veröffentlichung weniger Geld gehabt als 2018. Verbände, die im Bereich der Potenzialachse kein Top-Ergebnis haben, aber über Leistungspotenzial verfügen, sollten in den strukturellen Bereichen von der Bundes-Sport GmbH gecoacht werden.“

Zum Bewertungsverfahren des Potenzials meint Lambing: „Die Bewertung der sportlichen Leistungen lässt keine Fehler zu. Hier können alle Verbände mit den gleichen Kriterien bewertet werden. Die Bewertung der Verbandsstruktur stellt meiner Ansicht nach eine größere Herausforderung dar. Welche Verbandsstruktur ist etwa die optimale, und nach welchen Parametern wird ein Verband anhand des „Modellverbandes“ bewertet und finanziell unterstützt? Hier sehe ich zukünftig die BSG nicht alleine als Förderstelle, sondern auch als Begleiter und Consultant. Österreichische olympische Verbände konkurrieren mit internationalen Verbänden, die im Sommersport so aufgestellt sind wie etwa in Österreich der Österreichische Skiverband.“

„SCHRITT IN DIE RICHTIGE RICHTUNG“
Für den Volleyballverband gab es ebenfalls eine positive Bewertung in der Matrix. Gernot Leitner, Präsident Österreichischer Volleyball Verband, meint dazu: „Die neue Bewertungsmethodik ist bemüht, faire Kriterien für die breite österreichische Sportlandschaft zu etablieren. Es ist sicherlich ein Schritt in Richtung Vereinfachung, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Die Herausforderung liegt darin, in sehr vielen Sportarten die Wertigkeit von Großereignissen hinsichtlich Relevanz objektiv zu kategorisieren. Die ÖVV- Verbandsförderung entspricht in etwa der Summe des Vorjahres. Die Berechnung der Förderung ist nachvollziehbar, da die sportlichen Ergebnisse bei Großereignissen in allen Sportarten analog bewertet werden. Wir nehmen das Ergebnis als Auftrag, weiter in professionelle Strukturen zu investieren und Volleyball in Österreich voranzubringen.“

„NUR EIN ERSTER SCHRITT“
Christoph Peprnicek, Sportausschussvorsitzender des Radverbands, sieht die neue Vergabe aus zwei Blickwinkeln: „Der BSG hat sich dazu entschlossen, sich zum Ziel zu setzen, auch in den Sommersportarten, bei Großveranstaltungen und hier allem den Olympischen Spielen, um Medaillen mitzukämpfen. Dazu wurde mit dem neuen Fördergesetz bewusst ein Schwerpunkt auf die olympischen Sportarten gelegt. Wir als Radsport-Verband freuen uns in erster Linie natürlich, dass es dadurch im Bereich dieser Sparten zu mehr Förderung kommt und es jetzt auch eine klare Vorgabe der Ziele gibt. Jedoch muss bedacht werden, dass das Ungleichgewicht zwischen den anderen Nationen im Bereich der Förderungen noch immer sehr groß ist und dies daher nur als erster Schritt angesehen werden kann.“

„EINIGE PUNKTE NICHT NACHVOLLZIEHBAR“
Thomas Unger vom Österreichischen Schwimmverband meint zur aktuellen Fördermittelvergabe: „Der Österreichische Schwimmverband hat für das Jahr 2019 annähernd die gleichen budgetären Mittel wie 2018 zugesprochen bekommen. Dies ist auch jener Betrag, welchen wir erhofft hatten. Die Erhebung ist im Bereich der Ergebnisse transparent und nachvollziehbar. Im Bereich der sportlichen Entwicklungsperspektiven gibt es einige Punkte, welche aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar beurteilt wurden, und es wäre in diesem Bereich wünschenswert, im Zuge des Beurteilungsprozesses in einem Gespräch auch persönliche Erläuterungen anführen zu können“, so Unger, der ergänzt: „Die Beurteilung des neuen Verfahrens kann erst nach Durchfuürung des abschließenden Verbandsgespräches und der Mittelzuweisung zu einzelnen Projekten erfolgen. Bisher erfuhren wir durch die neue Förder-GmbH jedoch ausschließlich positive und informative Unterstützung.“

„NICHT GERECHTFERTIGT“
Christiane Mörth vom Österreichischen Eiskunstlaufverband, der im Vergleich zum Vorjahr Einbußen hinnehmen musste, ist weniger begeistert: „Grundsätzlich sind Idee und Aufmachung ein guter Versuch, die unterschiedlichen Sportarten miteinander zu vergleichen, aber die Auswertungen sind für uns in vielen Punkten nicht nachvollziehbar. Wir sehen die Beurteilung und die daraus resultierende Reduzierung der Förderungen für unseren Verband aus oben genannten Gründen nicht gerechtfertigt. Es fehlt vor allem auch eine Feedbackschleife mit den Verbänden, wo die Beurteilungen zu hinterfragen und zu diskutieren sind.“

„NUR EINE FARCE“
Einer der am schlechtesten bewerteten Verbände ist der Skibobverband. Verbandspräsident Roland Fritsch gegenüber Color of Sports: „Dieses Matrix-Verfahren ist maßgeschneidert für große Verbände mit der nötigen Personalinfrastruktur und ein ideales Instrument, die Anzahl der Fachverbände (kleine Verbände) mittelfristig zu reduzieren“, so die harte Kritik von Fritsch, der ergänzt: „Der Österreichische Skibobverband wurde bereits ab dem Jahr 2014 mit der Gründung des BSFF und der Bundes-Sport GmbH bis auf ein Jahr immer negativ bewertet und die damit verbundenen Fördermittel gekürzt, in Summe bis zum heutigen Tag € 79.812. Die Verbandsgespräche sind nur ein Ritual und eine Farce, weil nichts von dem, was besprochen war, in irgendeiner Richtung berücksichtigt wurde. Die ungerechte Behandlung ist belegbar in den Punkten III bis V des beigelegten Anhangs der Bundes-Sport GmbH.“

„WAS IST SCHON GERECHT?“
Aber auch Verbände mit einer positiven Bewertung sehen Schwächen im System. „Der neue Modus zur Fördermittelvergabe ist jedenfalls eine Verbesserung gegenüber der Vergangenheit, da er nach klaren Kriterien vorgeht. Es ist eine Verwandtschaft zu den Systemen in anderen Ländern, z.B. in der Schweiz und in Deutschland, erkennbar. Die hohe Professionalität der MitarbeiterInnen der BSG und das Bemühen um eine Optimierung stehen aus unserer Sicht außer Zweifel“, so Robert Labner, Generalsekretär des Fachverbands für Turnen, der jedoch meint: „Was ist schon ,gerecht‘? Absolute Platzierungszahlen zur Leistungseinstufung (z.B. Top XY bei der WM) sind nie gerecht, weil man Sportarten kaum miteinander vergleichen kann. Es macht einen Unterschied, ob z.B. im Kunstturnen über 300 Namen in derselben WM-Ergebnisliste stehen – oder in anderen Sportarten sich die Weltelite gegenseitig in unterschiedliche Bewerbe, auch Gewichtsklassen usw. aufteilt. Olympiasieger zu werden ist wahrscheinlich überall gleich schwierig, aber schon bei den WM-Top-10-Rängen ist das deutlich anders. Dieser Tatsache wird im neuen System der BSG nicht Rechnung getragen.“

FOTO: GEPA Pictures

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