Hartes Pflaster

Katrin Neudolt ist Profi-Badminton-Spielerin. Nicht leicht, vor allem mit Hörbehinderung.

Badminton war der Sport, der sie einfach ausgepowert hat. In einer Leistungssportlerfamilie aufgewachsen, konnte Katrin Neudolt alle Sportarten ausprobieren, blieb bei dem, was die meisten „Federball“ nennen, quasi hängen. „Eine Klassenkollegin hatte Eltern, die Badminton gespielt haben“, erzählt Katrin Neudolt beim Interview, „die ganze Klasse ist hingegangen und ich bin übrig geblieben.“ Und Badminton ist ein bedeutsamer Sport, der Weltverband zählt 193 Mitglieder, beinahe doppelt so viele wie beispielsweise der Rugbyverband. Dann folgte für Neudolt das, was bei den meis­ten Randsportarten in Österreich kommt: die Aufnahme ins Heeresleistungssportzentrum,  als erste gehörlose Sportlerin. Der Profitraum geht in Erfüllung, aber Leistungssport am Rande dessen, was Österreich liebt, ist eben ein hartes Pflaster. Egal wie.

WELTSPITZE
Die 30-Jährige hat an Welt- und Europameisterschaften im Gehörlosensport teilgenommen sowie an den Deaflympics. 2018 wurde sie Europameisterin, 2015 und 2019  Vizeweltmeisterin. Abgesehen davon, dass ihr viele Sportarten zu „fad“ waren, wie sie sagt, muss beim Badminton auch nicht mit Teamkollegen kommuniziert werden. Ganz egal ist es aber nicht, schließlich hört man, ob etwa ein Slice ge­spielt wird. Das kann Neudolt als Gehörlose nicht, sie nimmt aber dennoch an Wettkämpfen mit Menschen ohne Hörbehinderung teil.

Das geht auch aufgrund der langen Erfahrung. Schon mit 13, 14 Jahren spielte die Mödlingerin im Landeskader, mit 17 Jahren folgte der Kontakt zum Gehörlosensport. Dann ging es richtig los: professionelles Training, Wettkämpfe und Co. Ohne Gehörlosensport gäbe es die Profisportlerin Katrin Neudolt aber nicht.  Und ohne Bundesheer: „Ohne das Heer könnte ich meine Miete nicht zahlen. Ich musste auch eine Zeitlang nebenbei arbeiten. Da steigt aber die Leis­tung nicht.“

DER KAMPF UMS GELD
Neben dem Geld vom Heeressportzentrum gibt es öffentliche Förderungen vom Bundesministerium, vom Verband und Sponsoren. Doch der Kampf um Sponsoren gestaltet sich schwierig. „Das Bundesheer ist quasi das Mindestgehalt, man braucht die Sponsoren. Mein Budget setzt sich eben aus dem HSZ zusammen, vom Bundesministerium für Sport bekomme ich rund 5.000 Euro und von drei, vier Förderern 500 bis 800 Euro – im Jahr ca. 7.000 Euro.“ Daneben arbeitet sie auch noch als Speakerin, notwendig wäre rund das Doppelte an Sponsoring. Neudolt muss mehrere tausend Euro extra drauf zahlen. Es gebe eben keine Agentur, sie schreibt unzählige Sponsoren im Jahr an.

Die Hörberhinderung macht die Sponsorensuche auch schwierig. In Österreich geht viel übers Networken, das ist nicht so leicht, wenn es schwer fällt, in einem vollen Raum beispielsweise einen CEO von sich zu überzeugen. Allerdings ist das als Randsportler nichts, was nicht-behinderte Personen nicht auch kennen würden. Sponsoren bekommt, wer wen kennt, der meistens noch jemanden kennt. Hilfe bieten ehrenamtliche Initiativen, aber  es gibt nun einmal 95 Prozent Absagen. 

„Das liegt einerseits am Badminton, andererseits natürlich am Umstand, dass ich Gehörlosensportlerin bin.“ Dabei ist der Sport weltweit bekannt, im wichtigen asiatischen Markt sehr beliebt: „Vielen ist dann zudem auch nicht bewusst, dass ich auch an Wettkämpfen von Nicht-Behinderten teilnehme. Das können sich viele auch nicht vorstellen.“

FRAU IM SPORT
Zum Drüberstreuen neben dem Umstand, dass Badminton eine Randsportart ist und Neudolt Deafbadminton spielt, kommt dann noch dazu, dass Frauen generell im Sport weniger beachtet werden. „Beim Badminton zeigen wir auch nicht so viel Haut wie beispielsweise beim Beachvolleyball“, führt sie noch an. Neudolt, die bald einen MBA in Business & Administration Sport haben wird, meint, dass es noch sehr viel Potenzial gebe, das vermarktet werden könne. „Da geht es um kleinere Schritte, etwa in den Sozialen Medien“, meint sie. Das hänge zudem wieder von Budgets, dem Verband und Wissen ab. „Es gibt viele Möglichkeiten. Wir brauchen im Badminton Matten oder Beleuchtungen in Hallen sowie das Material und den Aufbau rund um die Halle. Das ist alles sehr interessant für mögliche Sponsoren.“

DAS VORBILD
Letztlich ginge es auch darum, dass es gar nicht so viele Vorbilder gebe, an denen man sich orientieren kann. Ein Beispiel: Der Tennisverband bekam mit Thomas Muster mehr Mitglieder, nun wieder mit Dominic Thiem. Katrin Neudolt will auch ein solches Vorbild sein, ist das schon und nimmt ihre Verantwortung, die sie als Spitzensportlerin hat, wahr: „Ich finde es extrem wichtig, dass Kinder Vorbilder haben. Vor allem behinderte Kinder, aber auch die Kids ohne Behinderung lernen, dass der Umgang mit Behinderten ganz normal ist. Da können sie lernen, wie man miteinander umgeht. Ich war selber neulich bei der Arbeiterkammer. Die hätten mir ein Telefonservice angeboten – das kann ich aber nicht, Alternativen kannten sie nicht.“ Wenn es im Umgang miteinander geht, dann sollte die Lösung im Vordergrund stehen. Gerade der Sport eigne sich aufgrund der klaren Regeln für das Trainieren der Zusammenarbeit.

DIE BOTSCHAFT
Die Wirtschaft müsse sich eben trauen, Sport zu unterstützen: „Es ist nichts Falsches daran, den Spitzensport zu fördern. Ich gebe für alles hundert Prozent. Ich habe das Privileg, 24 Stunden alles für den Sport zu geben. Viele andere können das nicht. Letztlich ist es auch ein Mehrwert für die Unternehmer. Sie und die gesamte Gesellschaft sehen, dass man auch mit Behinderung viel erreichen kann. Probleme und Barrieren haben ja alle Menschen.“

FOTO: Sven Heise

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