Zukunftsweiser ISPO Munich

18 Hallen, noch mehr internationale Aussteller und rund 80.000 Besucher: Ein Jahr vor ihrem 50. Geburtstag untermauert die ISPO Munich ihren Status als wichtigster Treffpunkt der weltweiten Sportbranche.

Mit einem zufriedenstellenden Ergebnis von rund 80.000 Fachbesuchern aus 120 Ländern übertraf die ISPO Munich, die Leitmesse der Sportartikelbranche, heuer zwar nicht das Rekordergebnis bei den Besucherzahlen, auf der anderen Seite der Ladentheke gab es aber einen neuen Höchststand zu vermelden: 2943 Aussteller (ein Plus von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr), verteilt auf 18 Hallen, markieren neue Rekordwerte. Und der Anteil der Aussteller aus dem Ausland erreichte 2019 auch eine neue Bestmarke von 89 Prozent. Zu den teilnehmerstärksten Ländern zählten Deutschland, China, Frankreich, Großbritannien, Italien, Taiwan sowie die USA. Die besucherstärksten Länder waren hingegen Italien, Österreich, Frankreich, Schweiz, Großbritannien sowie die Russische Föderation (in dieser Reihenfolge). „Die ISPO Munich ist größer denn je“, freute sich auch Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, über den internationalen Erfolg und hatte auch gleich eine Erklärung parat: „Die Sportbranche ist beflügelt durch den starken Winter, nicht nur in Europa.“

UNGENUTZTE POTENZIALE
Also sorgte die winterliche Stimmung, obwohl sie einigen Besuchern die Anreise erschwerte, für hervorragende Stimmung in den Hallen der Messe München. Wo neben Innovationen aus den Bereichen Wintersport, Outdoor und Fitness die Branche Potenziale aufgezeigt bekam, um für den Konsumenten von morgen attraktiv zu bleiben.

Die ISPO Munich ist also auch weiterhin die Heimat der wichtigsten Marken aus der Sportindustrie in Bereichen wie Wintersport, Outdoor und Fitness – auf der weltgrößten Sportbusinessmesse treffen sich jährlich Fachbesucher, Händler und Unternehmen. Und jedes Jahr kommen junge Sport-Start-ups hinzu. Eine wesentliche Rolle spielten heuer auch die Themen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und erstmals ­eSports. Insgesamt zeigte die ISPO Munich, dass es für Sportartikelhersteller und Sportfachhändler zahlreiche ungenutzte Potenziale gibt, die das Unternehmenswachstum und auch die Branche selbst beflügeln können.

SCHLAGWORT INDIVIDUELL
Individualisierung ist dabei ein gängiges Schlagwort. Denn des­to mehr „ich“ in einem Produkt ist, desto attraktiver ist die Marke auch für den jeweiligen Kunden. Das sei eine große Chance für die Branche, so der Tenor. Beispiele sind individualisierte Lauf- oder Skischuhe. Hierfür gab es auf der ISPO Munich viele innovative ­Beispiele. Unter anderem eine ­Microfactory – in Kooperation mit DITF –, die einen Meilenstein auf dem Weg zur Industrie 4.0 darstellt und einen Blick in die Zukunft bot. Ziel ist die möglichst schnelle und kosteneffiziente Umsetzung der nächsten Kollektion nach dem Motto „Simulate, Print & Cut“. Die Microfactory verbindet dabei die 3D-Simulation von Bekleidung direkt mit Herstellung und digitalem Textildruck.

Auch der Gewinner des Start-up-Wettbewerbs ISPO Brandnew, das österreichische Unternehmen Original+, setzt voll auf die Individualisierung ihrer Alpin-Ski: Mithilfe einer firmeneigenen, auf künstlicher Intelligenz basierenden Software stellt das Unternehmen Skimodelle her, die auf die Anforderungen des einzelnen Kunden zugeschnitten sind. Durch die Interpretation biometrischer Daten und zusätzlicher Angaben wie Fahrstil und Geländevorlieben errechnet die Software ­einen funktional angepassten Ski. Die Hersteller können so Ski per „Massenmaßanfertigung“ liefern.

Alle Beispiele zeigen aber: Ohne Digitalisierung ist in diesem ­Bereich Individualisierung nicht möglich. Für Marken wird es also immer wichtiger, Kunden in ­Herstellungsprozesse oder spätere Veredelungsverfahren eines Produkts einzubinden. Beschleunigt wird dieser Trend von digitalen Gadgets, den beliebten „Wear­ables“ – also tragbaren Mini-Computern, die Athleten beim Sport unterstützen und Daten ­erfassen. Diese bilden die Basis, um noch individuellere Produkte herzustellen.

BEDROHUNG ODER CHANCE?
Viele Unternehmen wissen allerdings noch nicht, wie sie mit dem Thema Digitalisierung umgehen sollen. Die Meinungen mögen zwar in der Sportbranche weit auseinandergehen, eines ist aber allen klar: Aussitzen ist keine Option. Das Segment ISPO Digitize bietet daher Beratung, Kooperationen sowie neue Chancen und hat sich als Wegbegleiter durch den Digitalisierungsdschungel bei Händlern und Sportartikelunternehmen etabliert. Robert Fankhänel, COO des Ausstellers Hologate, zeigte sich begeistert: „Gerade der Bereich von ISPO Digitize ist ja für digitale Medien. Und wir mit Hologate als Virtual-Reality-Plattform hatten dort einen Riesenanklang. Der Stand war die ganze Zeit voll, die Leute waren interessiert. Uns hat es super Spaß gemacht, dem Sportbusiness eine neue Seite des Sports zu zeigen. Die Sportbranche wird immer digitaler: Den Digitize-Bereich kann man daher vermutlich fast doppelt so groß machen im nächsten Jahr.“

Doch wer den Vortragenden auf der Bühne neugierig zuhörte, bekam keineswegs eine uneingeschränkte Empfehlung für alles Digitale, sondern erhielt einen differenzierten Blick. Denn schon 2018 beim ersten ISPO Digitize Summit hatte Zukunftsforscher Bernd Thomsen in einer Keynote erklärt: „Vergessen Sie nicht: Die Digitalisierung ist nur eines von vielleicht 25 Assets der Zukunft.“

Und wer wissen wollte, ob sein Unternehmen bereit für die digitale Transformation ist, dem lässt ISPO Digitize auch nicht im Stich: Der VDS-Digital-Fitness-Check überprüft, ob der jeweilige Sporthändler bereit für die digitale Zukunft ist. Gleichzeitig könnte man durch die Digitalisierung viele analoge Fehler aufdecken. „Viele wissen gar nicht, wer ihre Zielgruppe ist, wie deren Bedürfnisse ausschauen und wie die Customer-Journey sein sollte“, erklärte Karl-Peter Fischer von der Hochschule für Angewandtes Management. Das größte Problem: „Es fehlen vielerorts einfach auch die personellen Kompetenzen für die Umsetzung der neuen Techniken“, so der Professor weiter. Tobias Gröber, Director der ISPO Group, hat hingegen bereits die nächsten Schritte im Hinterkopf: „Die Nachfrage wird immer größer, und ich bin sicher, dass wir beim ISPO Digitize Summit am 3. und 4. Juli 2019 noch einen draufsetzen können.“

STAUNENDE GESICHTER
Die Digitalisierung konnte man aber auch live erleben, denn die neueste Entwicklungsstufe eines Sportbodens feierte vor Ort ihre Premiere: Die oberbayerische Firma ASB GlassFloor zeigte auf einer 230 Quadratmeter großen Fläche im Digitize-Bereich ihren innovativen Glasboden, der durch integrierte LED-Technologie quasi wie eine überdimensionale, interaktive Videoleinwand funktioniert. Dieser Boden wurde mit dem ISPO Gold Innovation Award 2019 ausgezeichnet und könnte nicht nur das Live-Erlebnis und die Vermarktbarkeit von Hallensportarten verbessern, sondern zum Beispiel auch das Einkaufserlebnis in Shops auf eine neue Stufe heben. Demonstriert wurden die drei Hauptanwendungsbereiche (Play, Train und Compete): Spieler können dabei getrackt werden (mit Spielernamen und Zusatzinfos), und besondere Effekte können – wie in Computerspielen – erzeugt werden. So kann zum Beispiel der Akteur, der gerade einen Korb geworfen oder ein Tor geschossen hat, auf dem Boden von einem virtuellen Feuer zu seinen Füßen begleitet werden. Zudem gibt es die Möglichkeit, interessante ­Live-Fakten darzustellen, zum Beispiel Wurfweite, Geschwindigkeit oder Sprunghöhe.

Auch beim Training gibt der ­Boden nützliche Hilfestellungen: Er kann zum Beispiel ungedeckte Spieler anzeigen oder Passvarianten vorschlagen. „Wir werden die Art und Weise verändern, in der Sportarten präsentiert und wahrgenommen werden. Wir sind die, die den nächsten Schritt wagen“, sagt der 32 Jahre alte Managing Director Christof Babinsky, der vor sechs Jahren das mittelständische Unternehmen seines Vaters übernommen und gemeinsam mit ihm seinen außergewöhnlichen Sportboden aus Glas weiterentwickelt hat.

Als weiteres Highlight matchten sich Fußballer in einem VR-Gaming-Erlebnis zum ersten Mal in der Öffentlichkeit mit einem digitalen Ball in der realen Welt – ein Hingucker.

GLOBALE EVOLUTION
Eindrucksvoll veranschaulicht wurde auch das Thema eSports. Dieser Trend feierte 2019, just ein Jahr vor dem 50. Geburtstag der ISPO Munich, seine Premiere in einem eigenem Bereich mit einer Arena und Live-Events. Das Ziel ist natürlich nicht, aus der Sportmesse ein Gaming-Convent zu machen, sondern zwei Welten zusammenzuführen, die nur wenige Schnittpunkte, aber mitunter dieselbe Zielgruppe haben
Denn der eSports-Markt wächst weltweit und hat sein Nischendasein längst hinter sich gelassen. Für das Sportbusiness und Sportunternehmen ist ein Einstieg in diesen zukunftsträchtigen Markt mitentscheidend – für ISPO ein klares Zeichen, den digitalen Sport im ISPO-Netzwerk zu thematisieren. „Wir sehen uns als Wegbereiter für unsere Kunden. Wir möchten sie beim Eintritt in den eSports-Markt unterstützen und ihnen Chancen, die eSports bietet, aufzeigen“, so Gröber. Erfreut zeigte sich auch Vorstand Dittrich über das neue Segment: „Der eSports-Bereich in unserer neuen Halle C6 wurde sehr stark frequentiert. Ich glaube, das ist der richtige Weg, um noch mehr junge Menschen anzusprechen.“

Experten, die in Workshops einen ersten, allgemeinen Einblick in das Thema geben und Potenziale für die Sportartikelindustrie aufzeigten, rundeten das Erlebnis ab. Der Skateboarder und eSports-Pionier Tony Hawk war zum Beispiel einer der Stars, der als Redner bei der ISPO Digitize Pioneers Night auftrat und dabei über die Zukunft der Sportbranche sprach. „ISPO ist so eine große Bewegung, ISPO ist legendär. Außerdem ist ISPO ja eine der wenigen Sportplattformen, die auch Action-Sport so prominent einbindet. Deswegen würde ich gerne in den kommenden Jahren noch mal herkommen, um all die Innovationen, die es hier gibt, zu sehen“, resümierte er sein Erlebnis.

PFLICHTPROGRAMM
Weitere sehenswerte Bereiche im Segment IPSO Digitize waren das Sportmas Retail Lab, wo man den Store der Zukunft aus erster Hand entdecken konnte, Brandnew Digital, wo Start-ups ihre digitalen Innovationen präsentierten, oder die Wear­able Technologies Conference, das exklusive Netzwerktreffen für internationale Experten aus dem gesamten Wearables-Ökosystem.­ Ebenfalls eine spannende Erweiterung des Angebots der ISPO Munich war das Segment „Trends, Innovation & Industry Services“, das einen Blick in die Zukunft der Sportindustrie bot. Wer die Trends und Brands der Zukunft schon heute erleben wollte, kam an diesem Segment nicht vorbei. Für die rund 2000 akkreditierten Journalisten und Influencer gehörte der Bereich jedenfalls zum Pflichtprogramm. Zudem fanden sie in der Halle C6 in passender Atmosphäre eine eigene Lounge­ vor, die zum Netzwerken mit Ausstellern und Gleichgesinnten einlud.

KEINE MODEERSCHEINUNG
Ein lebhaft diskutiertes Thema war auch die Nachhaltigkeit der Sportartikelindustrie. Denn Nachhaltigkeit soll nicht als Modewort verstanden werden, sondern als Notwendigkeit. Keine der großen Industrien kann auf Dauer überleben, wenn sie das Thema ignoriert. Das Sportbusiness macht da keine Ausnahme, im Gegenteil. „Wir alle tragen Verantwortung für unseren Planeten. Mit nachhaltigen Stoffen und Produktionsverfahren kann die Sportbranche einen Beitrag dazu leisten“, so Dittrich. Und auch der Konsument fordert verstärkt ressourcenschonend hergestellte und recycelbare Produkte. „Die Branche hat die Chance, eine Vorreiterrolle einzunehmen und ein Zeichen zu setzen, bevor gesetzliche Bestimmungen uns die Entscheidung abnehmen. Darüber hinaus ist Nachhaltigkeit heute auch ganz einfach ein Geschäftsmodell“, sagte Arne Strate, Generalsekretär der European Outdoor Group (EOG).

Den Statistikern zufolge bezieht zum Beispiel die Mehrheit der Deutschen (53 Prozent) das Thema Klimaschutz inzwischen bei den Kaufentscheidungen ein. Sogar 86 Prozent der Befragten gaben bei einer aktuellen YouGov-Umfrage im Auftrag der Agentur dpa an, dass sie beim Kauf von Textilien auf faire Produktionsbedingungen achten.

Allerdings kann so mancher Sportler sich den Blick auf das Umweltlabel beim Kauf der nachhaltigen Funktionskleidung nicht leisten. Die Haushaltskasse lässt oft kein Problemdenken für die Gesellschaft, die Umwelt oder den Planeten zu.

„IMMER RELEVANTER“
Auf dem Vormarsch waren heuer auch Frauen als Zielgruppe. „Frauen wählen ihre eigene Ausrüstung, und sie sind vorsichtig bei der Wahl des richtigen Equipments. Produkte und ihre Eigenschaften werden immer wichtiger, es kommt nicht mehr nur auf das Aussehen an. Frauen werden als Zielgruppe im Sport immer relevanter“, sagte etwa Maria Elena Rizzieri, Woman Project Leader bei Blizzard/Tecnica. „Dazu gehören genderspezifische Produkte, die den anatomischen und ergonomischen Ansprüchen entsprechen“, ergänzt Kim Scholze, Community Managerin bei der ISPO Munich und verantwortlich für die ISPO-Initiative „Frauen im Sport-Business“. Auf diesen Trend reagieren auch die Hersteller, wie eine Umfrage unter 833 Ausstellern und Besuchern der ISPO Munich zeigt: Der Anteil an spezifischen Sportprodukten für Frauen ist demnach hoch (79 Prozent der Hersteller gaben dabei an, dass Frauen für den Umsatz ihres Unternehmens wichtig bis äußerst wichtig sind), doch bei mehr als der Hälfte der Herstellerunternehmen (53 Prozent) gibt es keine spezielle Kampagnenplanung, um diese Zielgruppe anzusprechen.

„Die Zielgruppe Frau ist ein wichtiges Thema, nicht nur auf der ISPO Munich“, sagte Margit Ditt­rich bei der Eröffnung der Women’s Lounge auf dem Gelände. Sie hat dafür 2015 auch das Netzwerk „Frauen verbinden“ gegründet, das weiter wächst. Mehr als 600 Führungskräfte und Unternehmerinnen sind bereits Mitglieder des Netzwerks. Doch Frauen in Führungspositionen sind immer noch unterrepräsentiert: 77 Prozent der Unternehmen (Händler und Hersteller) haben weniger als die Hälfte der Führungspositionen mit Frauen besetzt. Bei fast der Hälfte der Befragten (48 Prozent) liegt der Anteil der weiblichen Führungskräfte sogar unter 25 Prozent. Nur in 16 Prozent der Fälle liegt der Anteil weiblicher Führungskräfte über 50 Prozent.

SPORTS WEEK & NIGHT RUN
Für Sportfans jenseits der Messehallen fand zum zweiten Mal auch die ISPO Munich Sports Week statt: eine gemeinsame Initiative mit Sportfachhändlern, Fitnesspartnern und Marken, um die Sportleidenschaft Münchens mit zahlreichen Aktionen zu fördern. Mehr als 170 Events sorgen eine Woche lang für sportliche Begeisterung und Spaß beim Konsumenten. Highlight war der ISPO Munich Night Run presented by BUFF, der mit rund 650 Teilnehmern einen Rekord verzeichnete. „Das war ein großartiges Rennen. Die perfekte Einstimmung auf dieses Jahr“, resümierte Laufprofi und Sieger Florian Neuschwander im Vorfeld der ISPO. Und als Einstimmung für das Jubiläumsjahr 2020 hier schon mal das Datum zum Vormerken: 26. bis 29. Jänner.

FOTO: Messe München GmbH

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