Juristische Prüfung empfohlen

Die neu implementierten Entschädigungszahlungen des ÖFB sorgen für Aufregung. Eine juristische Einschätzung von Color of Sports.

Auch im Amateurfußball ist es mittlerweile üblich, dass die Vereinswechsel junger Spieler die beteiligten Vereine vor erhebliche finanzielle Herausforderungen stellen. Schließlich müssen sich vereinswechselwillige Spieler, deren Eltern und Vereine in der Praxis nicht selten mit Ersatzzahlungen für aufgewendete Ausbildungskosten herumschlagen, bevor ein Vereinswechsel tatsächlich über die Bühne gehen kann. Die Beteiligten stehen dann oft vor Unklarheiten. Rechtsfragen treten dabei vor allem im Zusammenhang mit dem vom ÖFB implementierten Berechnungssystem und der zulässigen Höhe der zu leistenden Entschädigungszahlung auf.

DAS SYSTEM

§ 10 des Regulativs für die dem ÖFB angehörigen Vereine und Spieler („ÖFB-Regulativ“) regelt die Zahlung von Ausbildungsentschädigungen im Zusammenhang mit einem Vereinswechsel eines Amateurspielers innerhalb Österreichs. Die angesprochenen Entschädigungszahlungen setzen sich im Kern aus einer Ausbildungs- und einer Förderungsentschädigung zusammen. Damit sollen einerseits die bisher vom abgebenden Verein tatsächlich getragenen Kosten der Ausbildung eines Spielers abgegolten und andererseits die Nachwuchsarbeit des abgebenden Vereins im Allgemeinen gefördert werden.

Gemäß dem sogenannten „Rucksackprinzip“ ist stets der aufnehmende Verein verpflichtet, die gesamte Ausbildungs- und Förderungsentschädigung an den abgebenden Verein nach Maßgabe des ÖFB-Regulativs zu entrichten. Dazu ist die Entschädigungshöhe anhand der im ÖFB-Regulativ verankerten Entschädigungssätze, die je nach Leistungsstufe des abgebenden bzw. des aufnehmenden Vereins sowie des Alters des wechselwilligen Spielers variieren, zu berechnen.

RECHTLICHE EINSCHÄTZUNG

Wie eben ausgeführt, verfolgt die Idee von Ausbildungsentschädigungszahlungen nachvollziehbare Zielvorgaben. Dem abgebenden Verein steht es daher auch grundsätzlich offen, einen wechselwilligen Spieler nur gegen Zahlung einer Ausbildungsentschädigung überhaupt abzugeben. Dennoch beurteilt der Oberste Gerichtshof Ausbildungsentschädigungen im Amateurbereich nur unter gewissen Voraussetzungen als zulässig.

Eine Zulässigkeitsprüfung kann zwar immer nur im Einzelfall erfolgen, im Allgemeinen gilt allerdings: Hat der abgebende Verein tatsächlich Ausbildungsleistungen von erheblicher Relevanz erbracht, steht der nach Maßgabe des ÖFB-Regulativs errechnete Entschädigungsbetrag in einem angemessenen Verhältnis zum getätigten Ausbildungsaufwand und hat die Zahlungsverpflichtung keine maßgebliche Beschränkung der Freizügigkeit des Spielers zur Folge, so wird die Zahlungsverpflichtung einer Ausbildungsentschädigung im Regelfall zulässig sein.

Umgekehrt sind Entschädigungszahlungen für geleistete Ausbildungskosten dann unzulässig, wenn eine Abwägung der Interessen der beteiligten Akteure – also des abgebenden bzw. aufnehmenden Vereins einerseits und des Spielers andererseits – eine grobe Interessenverletzung aufseiten auch nur eines der Beteiligten ergibt. So etwa, wenn dem ausgebildeten Spieler das alleinige bzw. ein beachtliches finanzielles Risiko aufgebürdet wird oder wenn ihn die Erfüllung der Zahlungsverpflichtung unverhältnismäßig stark belasten würde.

RUCKSACKPRINZIP?

Nicht nur die Höhe der vorgeschriebenen Entschädigungszahlungen, sondern insbesondere auch die praktische Auslegung des beschriebenen Rucksackprinzips haben die Vereinigung der Fußballer (VdF) auf den Plan gerufen. Schließlich zeichnet sich hier in der Praxis erhebliches Umgehungspotenzial ab, zumal aufnehmende Vereine nicht immer tatsächlich den gemäß ÖFB-Regulativ errechneten Entschädigungsbetrag an den abgebenden Verein entrichten, sondern oft nur einen reduzierten Ausbildungsbetrag, über den die beteiligten Vereine im Verhandlungsweg Einigung erzielen konnten.

Dieses Vorgehen ist im Lichte des § 10 (8) ÖFB-Regulativ unzulässig und untergräbt das sogenannte Rucksackprinzip, das letztlich auch verhindern soll, dass Vereine verdeckte Transfererlöse unter dem Titel der Ausbildungsentschädigung lukrieren. Schließlich könnte der im Zuge eines allfälligen Folgetransfers abgebende Verein,
der im Rahmen eines Ersttransfers als aufnehmender Verein tatsächlich nur einen reduzierten Entschädigungsbetrag für die Ausbildung des Spielers geleistet hat, zusätzliche Transfererlöse erzielen, indem vom (nunmehr) aufnehmenden Verein die Zahlung der vollen Entschädigungssumme entsprechend dem ÖFB-Regulativ verlangt wird.

PRÜFUNG EMPFOHLEN

Zusammenfassend gilt, dass Entschädigungszahlungen für angefallene Ausbildungskosten nicht in jedem Fall und (im Einzelfall) auch nicht in voller Höhe zulässig sind. Aus Sicht des zahlungspflichtigen, aufnehmenden Vereins ergibt es daher durchaus Sinn, die vorgeschriebenen Ausbildungskosten im Einzelfall sowohl dem Grunde als auch der Höhe nach vorab – gegebenenfalls auch im Nachhinein, zumal Rückforderungsansprüche entstehen können – juristisch prüfen zu lassen.

FOTO: Gepa Pictures

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