Oberster Lobbyist

Hinweis: Das Interview wurde kurz vor Bekanntwerden der sogenannten Ibiza-Affäre geführt!

Die BSO wird 50! Präsident Rudolf Hundstorfer spricht im CoS-Interview über Forderungen an die Politik und richtet einen Blick in die digitale Zukunft.

Color of Sports:
Am 26. April hat die BSO ihren 50. Geburtstag gefeiert. Wie hat sich die BSO aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verändert?

Rudolf Hundstorfer:
Der Ursprungsgedanke ist und war, dass der österreichische Sport versucht, mit einer Gedankenwelt, mit einer Zunge zu reden, was natürlich aufgrund der Breite nicht immer möglich ist. An dem Gedanken hat sich nichts geändert, es haben sich jedoch die Methoden geändert, der Auftritt modernisiert. Wir haben viele gemeinsame Themen wie Infrastruktur oder in der Gesellschaftspolitik, wo es um die Frage geht, wie wir Kinder zum Sport bringen und sie dort halten können.

CoS: Wie sieht es mit der Aufgabenstellung der BSO aus? Was hat sich hier verändert?

RH:
Die Aufgabenstellung innerhalb der BSO hat sich aufgrund politischer Veränderung immer wieder gewandelt. Wir waren einmal massiv jene, die Bundesmittel verteilt haben, das ist Geschichte. Wir sind aber massiv weiterhin jene Organisation, die Personen in die Gremien entsendet, wo dann über die Mittelverteilung entschieden wird, auch wenn wir nicht mehr die technische Durchführung überhaben. Die BSO wurde immer mehr zur Serviceorganisation, weil wir in der Breite Mitglieder haben, die sehr groß sind, und welche, die weniger groß sind, wo wir ein bis zwei Mitarbeiter vorfinden. Diese brauchen eine andere Serviceunterstützung, da versuchen wir besser zu werden und da sind wir auch gut unterwegs. Was auch immer geblieben ist und bleiben wird: Wir fühlen uns als oberster Lobbyist für den österreichischen Sport.

CoS:
Zu Beginn Ihrer Amtszeit gab es noch einen roten Sportminister, jetzt ist es ein blauer. Es heißt ja immer, man wolle den Sport auch von der Politik trennen. Wie sieht es mit dieser Trennung im tagtäglichen Leben aus?

RH:
Da hat sich gar nichts geändert. Es kommen alle drauf, dass Parteipolitik im Sport nicht stattfindet. Gesellschaftspolitik findet hingegen schon statt. Die Grundsatzfragen bleiben unabhängig von der politischen Farbe die gleichen: Wie bringe ich die Kinder zum Sport, wie bekomme ich gute Infrastruktur, etc. Es gibt keine ideologischen Gräben zu überwinden. Was sich vielleicht da oder dort geändert hat, ist, dass die Regierung beschlossen hat, ein paar Themen offensiver aufzugreifen …

CoS:
… im Sinne des Sports?

Ja (denkt nach) … oder im Sinne des Populismus?

RH:
Minister Doskozil hat in seiner Amtszeit versucht, Strukturen im Ablauf der Förderung zu verändern. Dadurch ist die neue Bundes-Sport GmbH ins Leben gerufen worden. Die jetzige Regierung hat das Vergnügen, dass sie das fertigmachen durfte.

CoS:
Sportminister Heinz-Christian Strache hat im Dezember vergangenen Jahres die Sport Strategie Austria mit sehr vielen Überschriften vorgestellt. Im April wurde es detaillierter ausgerollt. Inwiefern ist diese Strategie auch im Sinn der BSO, womit können Sie weniger gut leben?

RH:
Alles, was im Sinne des Sports passiert, ist zu unterstützen. Ob es jetzt Überschriften sind oder nicht, sei dahingestellt. Es wurde auch im Zuge der Steuerreform einiges für den Sport zugesagt. In der aktuellen Novelle findet sich jedoch kein einziges Wort zum Thema Sport …

CoS:
… Steuererleichterung ist ja bekanntlich ein wichtiges Thema der BSO …

RH:
Ja, das wird von uns auch noch aufgearbeitet.

CoS:
Dh. bei diesem konkreten Beispiel war es mehr Überschrift als eine konkrete Umsetzung?

RH:
Im Moment sieht es leider so aus. Es gab öffentliche Aussagen von Repräsentanten, dass man dem Sport hier etwas Gutes tun will. Jetzt müssen wir das beobachten. Da geht es auch um die Spendenabsetzbarkeit im Sport, etc. Einem Sportverein helfen manchmal schon 1000 Euro.

CoS:
Aber ist die Spendenabsetzbarkeit bei der Sporthilfe als Flaggschiff nicht ein erstes gutes Beispiel?

RH:
Die Sporthilfe hat das Gütesiegel bekommen. Fakt ist, es gibt nachweisbare öffentliche Aussagen, dass man auch für den großen Sportbereich diese Spendenabsetzbarkeit herbeiführen möchte. In der ersten Novelle kommt der Sport wie schon erwähnt jedoch nicht vor. Wir werden jetzt nachfragen, was da los ist.

CoS:
Sie haben jetzt aber auch mit Rainer Rößlhuber, der von der BSO ins Kabinett von Hartwig Löger gewechselt ist, einen guten Draht ins Finanzministerium. Hat es schon genützt?

RH:
Grundsätzlich ja. Auch Hartwig Löger war einige Zeit BSO-Vizepräsident. Das wissen wir schon zu nutzen.

CoS:
Die aktuelle Regierung hat sich auch das Schlagwort „Sparen am System“ auf die Fahnen geheftet. Das Sportministerium hat relativ schnell damit begonnen, bei vielen Verbänden Rechnungen fällig zu stellen, die seit langer Zeit offen waren. Das hat einige Verbände an finanzielle Grenzen gebracht. Wie geht die BSO damit um?

RH:
Da geht es nicht ums Sparen. Ich war ein Befürworter, dass wir das endlich aufarbeiten. Es bringt niemandem etwas, dass man irgendwelche offenen Themen, die acht, neun, zehn Jahre alt sind, herumliegen hat. Es gibt jetzt auch eine Task-Force mit einem Mitarbeiter der BSO, um das abzuarbeiten. Das passiert auch so, dass es mit Ratenvereinbarungen abzuzahlen ist und die Verbände nicht an den Abgrund bringt. Auch die BSO hatte in der Vergangenheit mehrere Jahre keine Abrechnungskontrolle und hat jetzt einen Betrag zurückgezahlt.

CoS:
Wie viele Verbände haben hier Probleme? Schwimmen, Tischtennis …?

RH:
Die Schwimmverbands-Causa ist laut Anklage eine reine Betrugsgeschichte, das hat mit der Förderung nichts zu tun. Tischtennis ist im Abarbeiten. Divergenzen gibt es hier allerdings nur bei einem Thema mit einem bestimmten Gebäudekomplex (Anm.: Multiversum Schwechat). Es wird bei allen Verbänden, wo es um hohe Summen geht, Ratenvereinbarungen geben, damit kein Verband Probleme bekommt. Es ist wichtig, dass die Vergangenheit abgearbeitet wird und dass man daraus lernt, was besser gemacht werden kann. Und ich gehe davon aus, dass die Verbände dadurch lernen werden. Zustände, dass Abrechnungen jahrelang liegen bleiben, wird es in diesem Ausmaß nicht mehr geben. Die kleineren Verbände haben es natürlich hier ungleich schwerer und das ist auch der Grund, warum man immer mehr Mühe hat, Leute zu finden, die sich engagieren. Genau hier ist die BSO gefordert, das Service noch besser zu machen und diese Verbände zu unterstützen.

CoS:
Ist dieses Abschließen mit der Vergangenheit nicht sogar ein ganz wichtiger Punkt, bevor man neue finanzielle Mittel lukriert, weil man dann ja Gefahr laufen könnten, dass sich diese Fehler wiederholen? Wie viel Potenzial haben Österreichs Sportverbände, wenn es um die Professionalisierung der Strukturen geht?

RH:
Es gibt hier genügend Potenzial, das kann man nicht abstreiten. Deshalb ist die Service­unterstützung durch uns umso wichtiger, sei es im Bereich Medien, Arbeitsrecht oder andere wichtige Fragen. Viele kleine Verbände werden auch klein bleiben, egal wie gut sie arbeiten.

CoS:
Gibt es auch eine Form der Beratungsresistenz bei Verbänden?

RH:
Nein, das ist durchgehend positiv, das ist nicht das Thema. Wir besuchen pro Jahr mehr als zehn Sportverbände intensiv, das ist eine sehr umfangreiche Aufgabe, weil es viel Vorbereitung braucht.

CoS:
Wie sehen Sie die Digitalisierung im Sport und welche Rolle könnte die BSO hier künftig spielen?

RH:
Die tägliche Digitalisierung ist unaufhaltsam und betrifft die Verbände auch in ihrer täglichen Arbeit, sei es bei Abrechnungen, etc. Unser Hauptthema abseits dieser Thematik ist eSport. Hier steckt eine wesentliche Industrie dahinter, die wahnsinnig viele Menschen quasi bewegt. Viele Sportarten sind hier bereits auf den Zug aufgesprungen. Die Frage ist: Ist das Sport oder nicht? Es gibt dazu eine BSO-Expertentagung mit Blick ins Ausland, da die Länder auch unterschiedlich damit umgehen. Es gibt die Bestrebung, dass bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 eSport bereits ein Nebenwettbewerb sein soll. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und müssen uns auch klar von Shooterspielen oder Ähnlichem abgrenzen. Spätestens bis zu unserer im November stattfinden Hauptversammlung wollen wir dazu eine klare Meinung haben, da eSport-Vereine bereits Interesse zeigen, Mitglieder von Sportverbänden zu werden.

CoS:
Was man aus Ihrer Antwort jetzt nicht ganz heraushören kann: Ist eSport aus Sicht der BSO jetzt mehr eine Gefahr oder eine Chance?

RH:
Die Gefahr ist natürlich da, dass die Jugendlichen nur noch vor dem PC oder einem anderen elektronischen Gerät sitzen. Fakt ist aber auch, dass dies mit dem klassischen Sportbegriff nicht zusammenpasst. Ein paar Bundesligavereine haben ja bereits „eSportler“ unter Vertrag genommen, Verbände haben bereits eSport implementiert. Was derzeit noch fehlt, ist, dass man jemandem gegenübersteht, face to face in einem Wettkampf, dass man den Menschen gegenüber sozusagen riechen und auch berühren kann. Natürlich kann eSport
aber auch eine Chance sein.

CoS:
Das Ziel aus Sicht der BSO muss aber schon lauten, eSport in irgendeiner Art und Weise in die BSO hereinzuholen?

RH:
Wir können dieses Segment nicht einfach ignorieren. Wir müssen eine Form des Miteinanders finden. Deutschland, die Schweiz und Dänemark haben es zusammengebracht, sich mit eSport auseinanderzusetzen, also werden wir das auch zusammenbringen.

CoS:
Beim Sportkongress Sport & Marke haben Sie auch über das Thema Sportwettenlizenz und die daraus resultierenden Einnahmen gesprochen. Welchen Weg sehen Sie hier?

RH:
Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren hier einen Abschluss finden. Ein Lizenzierungsverfahren zu entwickeln, dauert einfach zwei Jahre und dass wir einen Teil des Geldes haben wollen, ist eh klar. Wir wollen einen gewissen Prozentsatz. Das war bisher politisch nicht umsetzbar, sollte aber jetzt dann möglich sein. Wir wollen die Valorisierung des §20 Glücksspielgesetz. Das konnte man zwar mit Einmalbeträgen immer wieder zum Teil kompensieren, aber da ist man dann immer von einzelnen Entscheidungen abhängig. Die Valorisierung der Besonderen Sportförderung von derzeit rund 80 Millionen Euro jährlich ist darüber hinaus zum Ausgleich des Realwertverlusts von fast 18 Prozent seit 2010 längst fällig. Wie im Regierungsprogramm festgelegt und von der BSO schon länger gefordert, wäre hier eine zweckgewidmete Abgabe auf Online-Sportwetten wünschenswert.

CoS:
Ein Thema ist auch die Rechtssicherheit der Lehrer und ehrenamtlichen Mitarbeiter. Das ist doch ein zentraler Part der BSO. Es gibt viele Lehrer, die nicht mehr auf Skikurs oder Ähnliches fahren, weil ihnen die Rechtssicherheit fehlt.

RH:
Das ist beängstigend. Wir haben vor ca. eineinhalb Jahren die Servicestelle Wintersportwochen übernommen. Das ist ein Zusammenschluss aus Wirtschaftskammer, ÖSV und Industrie. Wir können feststellen, dass die Wintersportwochen ein massives West-Ost-Gefälle vorweisen. Im Westen ist die Talfahrt der sinkenden Kurse gestoppt, je weiter man in den Osten kommt, desto größer wird das Minus. Die Rechtssituation hat sich eigentlich in den vergangenen Jahren nicht dramatisch verändert, es haben sich jedoch die Rahmenbedingungen vonseiten der Eltern geändert. Nicht mehr jeder kann sich einen Skiurlaub leisten. Zudem kommen unterschiedliche Kulturkreise, wo der Wintersport nicht an erster Stelle steht. Wir bemühen uns, kostengünstigere Angebote zu machen und so das Minus der Anmeldungen zu stabilisieren. Das wird aber auch für die Sommersportwochen forciert, das war eine unserer Bedingungen, das Projekt zu übernehmen.

CoS:
Ist das ein Zukunftsmodell, dass die BSO so wie bei den Wintersportwochen gemeinsam mit einem Verband und Partnern aus der Wirtschaft derartige Projekte so angeht?

RH:
Wir bemühen uns, Dinge auf die Füße zu stellen, nicht nur für den Skiverband. Vor allem für Sportarten, die nicht die große Masse ansprechen. Wir bemühen uns etwa gerade um eine neue Skatehalle in Wien, wir klären gerade die Nachnutzung für die Wiener Stadthalle im Sinne des Sports. In St. Pölten haben wir beim Sportzentrum versucht, viele Sportarten einzubinden. So ähnlich war das auch bei den Ruderern in Ottensheim.

CoS:
Ihre Amtsperiode hat 2016 begonnen und endet 2019. Sie wirken noch nicht Amtsmüde. Streben Sie eine weitere Periode an?

RH:
Ja, das würde ich so sehen.

CoS:
Was heften Sie sich auf die Wahlkampf-Fahne für ihre nächs­te Periode?

RH:
Es geht nicht um Wahlkampf. Wir wollen mehr finanzielle Mittel lukrieren. Immer dringlicher wird auch die Infrastrukturfrage, hier gibt es große Divergenzen und wir müssen gemeinsam Druck machen. Wir haben Bundesländer, wo wir keine Leichtathletik-Meisterschaft durchführen können oder wo man kein Schwimmtraining durchführen kann. Da gibt es viele Beispiele.

CoS:
Danke für das Gespräch!

FOTO: Getty_Images

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