Österreich ist für Doping nicht zu klein

Allen Beteuerungen zum Trotz ist Österreich erneut ein wesentlicher Teil eines internationalen Dopingskandals.

“Austria is a too small country to make good doping.“ Was ÖSV-Präsident Peter Schröcks­nadel am 22. Februar 2006 rund um den Dopingskandal bei den Olympischen Spielen in Turin in die Mikrofone der Journalisten gesagt hat, hat leider auch im Jahr 2019 nichts an Aktualität verloren.

21 ATHLETEN
Oberstaatsanwalt Kai Gräber nannte am Mittwoch bei einem Pressetermin in München Zahlen: Demnach hat Mark S. nach aktuellem Stand Blutdoping an 21 Athleten aus acht europäischen Ländern vorgenommen bzw. vornehmen lassen. Fünf Sportarten seien betroffen, davon drei aus dem Wintersport. Der Doping­skandal, der rund um die Nordische Ski-WM in Seefeld erneut auch Öster­reich massiv betroffen hat und auch noch in den nächsten Monaten und Jahren betreffen wird, zeigt auf, dass der österreichische Sport bei diesen Skandalen immer wieder nicht nur mit dabei ist, sondern mittendrin.

Die Diskussionen darüber, ob das Image von Österreichs Sport dadurch beschädigt ist, zeigen bereits, dass dieses auch darunter leidet, auch wenn Sportminister Heinz-Christian Strache berufsbedingt anderer Meinung ist: „Das sehe ich nicht so. Ich lasse nicht zu, dass viele österreichische Sportler und Sportlerinnen, die Großartiges leisten und mit viel Fleiß und Blut über Jahre hinweg hartes Training und Verzicht leben, dass die von solchen Einzelfällen überschattet werden. Das sind Einzelfälle, diese Täter gehören überführt und auch konsequent abgestraft.“

Über die Definition „Einzelfälle“ lässt sich natürlich streiten. Offenbar haben aber einige Verbände in Österreich ein Problem damit, Doping in den Griff zu bekommen – und das seit Jahren. Und die mediale Performance von ÖSV-Präsident Schröcks­nadel erinnert zum Teil leider wieder an die Zeit rund um 2006 in Turin. Credo: Schuld sind alle anderen, nur nicht wir selbst. Das ist aus Sicht vieler Experten aber zu wenig.

Aus österreichischer Sicht besonders interessant: Bisher sind neun Athleten aus dem Skilanglauf – unter ihnen die Österreicher Max Hauke und Dominik Baldauf – und dem Radsport – Stefan Denifl und Georg Preidler – bekannt. Ein Kasache hat sein Geständnis widerrufen. Der Münchner Staatsanwalt geht von einer dreistelligen Zahl von Entnahmen und Rückführungen von Eigenblut in diesem Zusammenhang aus. Die Ausführungen des Münchner Staatsanwaltes lassen erahnen, wie umfangreich und „professionell“ dieses Netzwerk agiert hat: So seien zwei Mitarbeiter aus dem Netzwerk des Arztes – sie erhielten pro Tag eine Aufwandsentschädigung von je 200 Euro – zu diesem Zweck bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang und auch auf Hawaii gewesen. Der Verweis auf Hawaii lässt erahnen, dass es sich dabei um Triathlon gehandelt hat. Immerhin: Im Bereich des Wintersports schloss Gräber die Nordische Kombination aus.

Die Ermittlungen haben ergeben, dass der beschuldigte Arzt seit Ende 2011 an Profisportlern Blutdoping betrieben haben soll. Der Staatsanwalt meinte auch in Bezug auf einen der größten Dopingfälle der Geschichte, als der spanische Arzt Eufemiano Fuentes nach der Jahrtausendwende aufgeflogen war: „Damals wurden mehr Blutbeuten gefunden, aber hier wird gegen mehr Sportler ermittelt. Ich glaube daher, dass es schon ein großer Fall ist. Es sind längst nicht alle Kapitel geschrieben.“

NEUE ERKENNTNISSE
Dass der Kampf gegen das Doping immer wieder zu neuen Erkenntnissen führt, hat auch Günter Gmeiner rund um den aktuellen Fall zur Kenntnis nehmen müssen. Er arbeitet seit 25 Jahren im Dopingkontroll-Labor Seibersdorf, ist immer wieder Mitglied diverser Expertenkommissionen in der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und beschäftigt sich mit neuesten analytischen Nachweismethoden für Sportlern verbotenen Substanzen. Gegenüber der APA meint er auf die Frage, ob es etwas Neues gewesen sei, dass Eigenblut-Doping wenige Stunden vor dem Wettkampf angewandt wurde: „An sich ja. Wir sind eher davon ausgegangen, dass die Blutprobe im Bereich von wenigen Tagen vor dem Wettkampf reinfundiert wird. Die Tatsache, dass Sportler das u.a. auch Stunden vor dem Wettkampf machen, das war doch in gewisser Weise neu.“ Dem aktuellen Skandal kann Gmeiner sogar auch etwas Positives abgewinnen: „Es ist schon sehr viel erreicht. Vorfälle wie in Seefeld sind auf der einen Seite ganz wichtig, aber sie zeigen natürlich auch, dass den Sportlern nicht mehr sehr viele Optionen bleiben. Pro Jahr werden von den Labors weltweit, ich kenne die Zahl für 2017, 2.700 positive Fälle berichtet. Vielleicht werden manche Sportler doppelt erwischt, aber das ist doch eine relevante Dimension.“

MENSCH VS SPORTLER
Wie sehr manche Sportler in den Bann des Dopings geraten, zeigt der Fall von Johannes Dürr, der bereits zum zweiten Mal erwischt wurde. Dürr gibt an, dass er bereits während seiner zweijährigen EPO-Dopingsperre von 2014 bis 2016 an der Fortführung seine Betruges gearbeitet habe. 2015 habe er neue Blutkonserven in Erfurt deponiert. Im Sommer 2018 sei schließlich Mark S. an ihn herangetreten, das in Erfurt lagernde Blut wieder zurückzuführen. „Ich hatte geglaubt, ich bin schon fast draußen aus dem Sumpf. Aber ich steckte noch bis zu den Knöcheln drin. Bei seinem nächsten Anruf, wo er mich noch mal daran erinnert hat, da bin ich schwach geworden“, so Dürr in einem ARD-Interview.

FOTO: Gepa Pictures

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