Sportnation?

Felix Gottwald nimmt sich im Interview mit Color of Sports kein Blatt vor den Mund.

COLOR OF SPORTS:
In Österreichs Politik haben sich die Ereignisse überschlagen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Wie sehen Sie den Status quo in der Sportpolitik?

FELIX GOTTWALD:
Gute Frage. Eher so, dass es im Moment leider gar keinen Status quo in Sachen Sportpolitik gibt. Es mangelt uns in Österreich nicht an Sportstrategien. Es fehlt uns in Öster­reich leider am Bewusstsein und auch am Commitment, uns hin zu einer Nation mit einer echten Bewegungs- und Sportkultur entwickeln zu wollen. Die aktuell positivste sportpolitische Entwicklung dazu ist jene des Rauchverbots in der Gastronomie ab November. Was für diese Entscheidung alles passieren musste, zeigt ganz gut, wovon die Gesundheit und Vitalität der österreichischen Bevölkerung in Wahrheit auch abhängt.

Im Wahlkampf wird Bewegung und Sport wieder keine Rolle spielen. Das Amt des Sportminis­ters wird dann wieder jene Person bekommen, die sich bei der Vergabe um das Amt am unauffälligsten verhält. Zugegeben, ich war von den Vorhaben des letzten Sportministers zum Teil wirklich angetan, leider lösten diese sich noch vor dem Start in Rauch auf.

COS:
Viel Lärm um nichts, oder wie würden Sie die vergangenen Bemühungen einstufen?

F.G.:
Ich hatte wirklich den Eindruck, dass erstmals nicht nur so getan wurde, als ob der Sport in Österreich und damit verbundene notwendige Veränderungen eine echte Chance bekommen. Bei einem Erstgespräch mit dem letzten Sportminister habe ich auf die durchschnittliche Halbwertszeit eines Sportministers von zwei Jahren hingewiesen. Mir ist schon klar, dass das niemand zu Amtsantritt hören möchte, aber es hat sich leider wieder – wie schon in den letzten 20 Jahren – bestätigt. Wirkliche Veränderung geht eben deutlich über den Rahmen einer Legislaturperiode hinaus. In diese Richtung würde ich mir wünschen, dass sich auch oder zumindest die Sportpolitik als klarer Dienstleister des Sports/der Bürger sieht. Es wäre zeitgemäß, dass im Sinne der Menschen in Österreich begonnen wird, eine Sportkultur zu säen, ohne den Anspruch zu haben, auch noch bei der Ernte dabei zu sein.

COS:
Die neue Expertenregierung kommt ohne große sportpolitische Kompetenz daher. Bleibt der Sport nun gänzlich auf der Strecke?

F.G.:
Anders gefragt: Was müsste geschehen, dass sich in Öster­reich eine Kultur etablieren kann, wo wir stolz darauf sind, dass wir uns regelmäßig bewegen und sportlich aktiv sind? Unabhängig von unseren sportpolitischen Kompetenzen würde ich mir wünschen, dass flächendeckend in ganz Österreich ein Bewusstsein entsteht, bei dem es ganz normal ist, dass wir uns einmal am Tag die Zeit nehmen, um uns an der frischen Luft – in welcher Form auch immer – zu bewegen. Die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem (um nur einen Bereich hervorzuheben) wären gigantisch. Die Medizin, die eine Stunde Bewegung an der frischen Luft ersetzen kann, gibt es zum Glück noch nicht.  Das Bewusstsein dahingehend leider auch noch nicht. Es würde der Politik guttun, würde sie mit gutem Beispiel vor­angehen. Ganz nach dem Motto: Weil wir für Österreich einen Beitrag leisten wollen, deshalb bewegen wir uns gemeinsam!

COS:
Wo liegen in der Bevölkerung die Probleme auf dem Weg zu einer Sportnation – oder anders gefragt: Haben wir Österreicher überhaupt das Zeug zur Sportnation?

F.G.:
Der Begriff „Sportnation“ ist ein sehr dehnbarer. Ich denke, wir sollten der Versuchung wider­stehen, dass wir Medaillen, Weltcupkugeln oder Platzierungen in diversen Weltranglisten der unterschiedlichsten Sportarten auf das imaginäre Konto der Sportnation Öster­reich verbuchen. Die Erfolge eines Marcel Hirschers, eines Dominik Thiems oder eines David Alabas und Co haben nichts damit zu tun, dass wir so ein tolles Spitzensportsystem haben oder dass die Nation Österreich dafür einen entscheidenden Beitrag leistet. Hinter diesen Ausnahmeathleten steckt immer ein persönliches Umfeld, welches einen außergewöhnlichen Beitrag des einzelnen Athleten überhaupt erst ermöglicht. Dank der Wissenschaft weiß man heute, dass die Umgebung einen viel größeren Einfluss auf die persönliche Entwicklung hat als der Faktor Talent. Eine Sportnation braucht deshalb andere Indikatoren. Um die ­Bereiche der Bewegung, der ­Ernährung, der Regeneration und jenen des Schlafes kommt eine echte Sportnation nicht herum. Dafür eine fördernde Umgebung zu gestalten macht Sinn, bringt Freude und spart viel Geld. Dass sich aus einer solch breiten Basis eine entsprechende Spitze ergibt, wäre wohl nicht zu verhindern.

COS:
Es gibt auch viele positive Beispiele – Einzelkämpfer im Profibereich und im Breitensport gute Vereinsarbeit. Man darf also nicht alles schwarzmalen. Was läuft in Österreich Ihrer Meinung nach gut?

F.G.:
Es gibt so viele gute Initiativen, es gibt so viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, es gibt viele Vereine, die eine unglaubliche Arbeit leisten. Wir haben sehr viel Know-how im Land. Es geht uns sehr gut in Österreich – vielleicht sogar zu gut. Und es mangelt nicht an Geld.

COS:
Was muss passieren, um nach den Neuwahlen mit dem richtigen Elan an die Sache heranzugehen. Sollten wir zunächst den Blick über den Tellerrand wagen, einen Expertenrat mit Entscheidungsgewalt bilden? Was wäre Ihre ideale Vorstellung?

F.G.:
Es braucht echtes Commitment für Bewegung im Land. Meine Erfahrung ist, dass der Ausdruck „Sport“ viele schon abschreckt. Wenn nach den Wahlen „Bewegung“ in jeglicher Hinsicht zum höchsten nationalen Anliegen werden würde, dann hätte ich, was die vielen gesellschaftlichen Herausforderungen angeht, ein freudvolles und gutes Gefühl, diese anzupacken und gemeinsam zu meistern. Jeder in seinem Bereich und auf seinem Platz.

COS:
Wären Sie bereit, für Öster­reichs Sport in einer Funktion zur Verfügung zu stehen?

F.G.:
Es gab immer wieder Gespräche, und sie endeten immer an der gleichen Stelle: am fehlenden echten Commitment. Ich stehe für politischen Aufputz nicht zur Verfügung. Das wird auch so bleiben. Wenn es darum geht, einen Beitrag zu leisten, die Menschen in unserem Land zu einer gesunden Bewegungskultur einzuladen, zu ermutigen und zu bestärken, dann bin ich immer gesprächsbereit.

COS:
Seit Beendigung Ihrer Karriere teilen Sie bei Vorträgen, Seminaren etc. Ihre Erfahrungen mit dem Publikum. Was ist dabei Ihre Mission?

F.G.:
Ich sehe mich als Impulsgeber und lade die Menschen ein, einfach ihr Bes­tes zu geben. Der Fokus liegt ganz klar auf der Einfachheit. Nur über die Einfachheit können wir mehr vom Nützlichen und Nährenden, weniger vom Schädlichen und Hinderlichen in unseren Alltag integrieren. Die Wiederholungsanzahl macht den Unterschied, und unser aller Alltag hat den Faktor 365! Üben hilft! Vorausgesetzt, wir üben selbstbestimmt und wissen, warum wir tun, was wir tun! Ich empfinde meine Arbeit als sehr sinnvoll und bin sehr dankbar auch für das Gefühl, dass der Spitzensport lediglich die Vorbereitung war, für das was jetzt zu tun ist.

COS:
Und wo führt einem der Gottwald-Weg hin?

F.G.:
Im besten Fall wieder näher zu einem selbst! Wenn wir unseren Körper, unsere Gefühle und unsere Gedanken wieder als Feedback-Instanz wahrnehmen, dann sind wir uns selbst der beste Coach und das größte Vorbild in einer Person. Dafür in Bewegung zu bleiben lohnt sich immer!

FOTO: GEPA Pictures

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