Tour de France mit Expansionsdrang

Die Tour de France ist die viertgrößte Sportveranstaltung der Welt und wird von der Firma ASO organisiert. Anlässlich des Kongresses Sport & Marke in Wien gab Claude Rach, Head of Strategy & Business Development der ASO, Einblick in die ambitionierten Zukunftspläne des Sportveranstalters.

1. Wem gehört die ASO und damit die Tour de France?

Die ASO ist ein Familienunternehmen, das zu 100 % der Familie Amaury gehört, deshalb auch der Name Amaury Sport Organisation. Die Tour de France selbst wurde 1903 von Henri Desgrange, dem Chefredakteur  der Zeitung L’Auto, gegründet. Seit 1965 ist die L’Equipe (der Nachfolgetitel von L’Auto) und somit auch die Tour de France im Besitz der Familie Amaury.

2. Ein Sportveranstalter wie die ASO sollte doch darauf bedacht sein, ein gutes Risikomanagement zu betreiben. Warum expandiert die ASO im Profi-Radsport und dies trotz Dopingskandalen und obwohl mit anderen Radrennen kaum Geld zu verdienen ist?

Als Tour-de-France-Veranstalter sehen wir uns in der Verantwortung, auch den Radsport allgemein weiter zu entwickeln und sowohl seine Wurzeln in den europäischen Ländern zu stärken als auch neue Märkte und Fans zu begeistern. Deshalb geht unsere Strategie definitiv über das Geldverdienen hinaus und wir investieren in europäische und internationale Rennen, die uns wichtig für die Entwicklung des Radsports erscheinen. Generell sind wir von der Wirksamkeit und der Einzigartigkeit des Radsports und Radsportveranstaltungen insbesondere überzeugt: eine Gratisveranstaltung, die an jeder Haustür vorbeifahren kann und eine ganze Region zum Stadion verwandelt.

3. Welche Rennen gehören in das Portfolio der ASO?

ASO organisiert jedes Jahr um die 90 Veranstaltungen in 20 Ländern. Davon sind 25 professionelle Radrennen (Männer und Frauen). Diese reichen von den Grands Tours (Tour de France, Vuelta a Espana) über die Eintagesklassiker (z.B. Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Flèche Wallonne, Eschborn-Frankfurt, La Course) bis hin zu den Etappenrennen (z.B. Paris-Nizza, Critérium du Dauphiné, Arcitc Race of Norway, Deutschland Tour). Darüber hinaus haben wir auch Veranstaltungen mit der Marke Tour de France weltweit entwickelt – sowohl Tour de France Criteriums mit den Radprofis in Japan und China als auch 15 Jedermannrennen (L’Etape by le Tour de France) in zwölf Länder.

4. Welche Strategie verfolgen Sie mit der internationalen Expansion?

Für uns gilt es, sowohl den Radsport international zu fördern als auch die Tour de France noch bekannter zu machen. Dies erreichen wir, indem wir entweder existierende Radrennen weiter entwickeln, neue Veranstaltungen in strategisch wichtigen Märkten auf die Beine stellen, unsere Radveranstaltungen als Plattform für die Tourismus- und Sportförderung nutzen oder mit der Marke Tour de France in Ländern außerhalb Europas durch Veranstaltungen oder gemeinsam mit lokalen Partnern und Sponsoren aktiv sind.

5. Haben Sie auch in Österreich Expansionspläne?

Unsere Entwicklungsstrategie gestaltet sich von Schritt zu Schritt. Mit unseren Tochter-Veranstaltungen der Tour de France (TDF Criterium, Etape by TDF) lag unser Fokus darauf, in Märkte außerhalb Europas einzudringen, in denen die Tour de France ansonsten nicht stattfinden könnte.

Darüber hinaus haben wir uns in Europa zuerst für England (mit der Tour de Yorkshire in 2015) und Deutschland (mit Eschborn-Frankfurt und der Deutschland Tour letztes Jahr) entschieden, um auch neue eigene Veranstaltungen zu entwickeln, die den Radsport in diesen Märkten eigenständig fördern.

Sollten diese Entwicklungen erfolgreich abgeschlossen werden und wir ein starkes Potenzial für Radsport in Österreich identifizieren, könnte auch dies ein Schritt für die Zukunft sein.

6. In Deutschland gehören die Deutschland-Tour und das Rennen Eschborn-Frankfurt zu Ihrer Gruppe. Wie groß ist das Interesse von Sponsoren an diesen Rennen?

Für uns ist Deutschland generell ein sehr wichtiger Markt, nicht nur für potenzielle Sponsoren. Deutschland ist das europäische Land mit den meistverkauften Fahrrädern (fast vier Millionen pro Jahr) und es gibt 24 Millionen Deutsche, die zumindest einmal pro Woche Rad fahren. Nimmt man hier noch die potenzielle Anzahl an (TV-)Zuschauern hinzu, so ist es das Land im „Kernmarkt“ Europa mit dem meisten Potenzial.

Das Sponsoring-Interesse ist hier ein Faktor, den wir nach und nach wieder aufbauen möchten. Schon jetzt haben wir mehrere Sponsoren (z.B. Skoda, Tissot, Dauner, Alpecin) gewinnen können, die mit uns genau dieses Potenzial, das Deutschland als Fahrradland bietet, entwickeln und nutzen möchten. Unsere Arbeit liegt aber auch darin, dieses Interesse (genauso wie auch z.B. das Medieninteresse) noch weiter zu steigern und noch mehr Leute für unser Konzept zu begeistern.

7. Auch im Radsport ist die Digitalisierung in vollem Gange, was sind die wichtigsten Trends?

Wenn wir die Tour de France nehmen, so war sie schon immer Vorreiter in der Entwicklung neuer Trends, insbesondere was die Berichterstattung betrifft  – z.B. fand schon 1948 in Frank­reich die erste Live-TV-Berichterstattung für ein Sportevent bei der Tour de France statt.

Die wichtigsten Trends im Moment gehen sicherlich dahin, den Fans und den Zuschauern zu ermöglichen, die Radrennen noch mehr selber miterleben zu können. In diesem Sinne arbeiten wir nunmehr seit mehreren Jahren daran, On-board-Kameras an den Fahrern zu installieren, setzen ein neuartiges „Tracking-System“ um und haben eine Online-Plattform entwickelt, die es allesamt unseren Fans mehr und mehr ermöglichen, unsere Rennen im Herzen des Pelotons zu erleben und ihren Lieblingsfahrer zu verfolgen.

8. Gibt es Sponsoren, die gerade wegen der Digitalisierung als Sponsoren einsteigen?

Ein Sponsor, der uns z.B. bei diesem Digitalisierungsprozess im Radsport nun seit mehreren Jahren begleitet, ist Dimension Data. Gemeinsam mit Dimension Data haben wir ein Datenanalyse-System und unsere „Race Center“- Online-Plattform entwickelt die uns ermöglichen, alle Daten vom Rennen und den Fahrern zu analysieren und in für den Zuschauer relevante Informationen zu übersetzen, die für jeden verständlich und sowohl im TV als auch online zugänglich genutzt werden können. Es ist eminent wichtig, solche Experten an unserer Seite zu haben, um die Digitalisierung weiter voranzutreiben.

9. Durch STRAVA und andere Applikationen können sich Freizeitfahrer wie Profis fühlen, welche Bedeutung hat der Trend, dass immer mehr Freizeitfahrer performance-orientiert Rad fahren?

Wir begrüßen solche Entwicklungen und Applikationen wie Strava oder Plattformen wie Zwift, die diese Trends begleiten, sehr. Denn Radfahrer, die selber gerne Rennen fahren, sind auch zusätzliche Fans für unsere Radveranstaltungen und potenzielle Teilnehmer bei unseren Jedermannrennen.

Gleichzeitig gilt es aber auch nicht nur auf performance-orientiertes Radfahren zu schauen. Denn ich bin davon überzeugt, dass  ein noch größeres Potenzial darin liegt, die Brücke zwischen Radsport und alltäglichem Radfahren schlagen zu können. Darin muss unser Kern-Engagement für die nächsten Jahre liegen und Konzepte wie die Deutschland Tour als Fahrradfestival spiegeln dies wider.

10. Zurück zur Tour de France: Gibt es bei diesem gigantischen Spektakel noch Steigerungsmöglichkeiten? Wenn ja, welche??

Die Tour de France wäre nicht die Tour de France, wenn sie nicht immer wieder versuchen würde, den nächsten Schritt zu gehen, um sich als Veranstaltung, aber auch den Radsport allgemein zu entwickeln.

Ich glaube, das größte Potenzial in den kommenden Jahren liegt definitiv in dem vorher beschriebenen Link zum allgemeinen Radfahren. Darüber hinaus werden wir aber auch weiterhin daran arbeiten, noch mehr Fans international für die Tour de France zu gewinnen und die Digitalisierung auszubauen.

FOTO: CLOUDE RACH

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