Vision oder Illusion?

Die Super League geistert herum. Ist sie eine Vision oder eher Illusion des europäischen Spitzenfußballs?

Die Medienberichterstattung der letzten Wochen war von den Enthüllungen rund um die sogenannte European Super League geprägt. Die geheimen Absichten einiger europäischer Topklubs, die Gründung eines eigenen Ligaformats zu forcieren, hat die Diskussion um den Verlust der Integrität des europäischen Klubfußballs erneut angeheizt. Doch was hat die Elite des europäischen Klubfußballs dazu bewegt, konkrete Umsetzungspläne zu schmieden und worin liegt letztendlich der Reiz eines neuen Wettbewerbsformats, das losgelöst von den (bislang) etablierten nationalen Fußballverbänden und der UEFA stattfinden soll? Eines gleich vorweg: Wie so oft im Sport steht auch diesmal Geld im Mittelpunkt.

AUSLAUFMODELL?
Die UEFA hat den europäischen Klubfußball in den letzten Jahren massiv reguliert. Die zunehmende Kommerzialisierung des Klubfußballs durch die Erschließung neuer Geldgeber (vor allem aus dem arabischen Raum) hat die UEFA zum Handeln gezwungen. Um trotz des Geldregens, der über die Spitzenklubs herzog, dennoch ausgewogenen Wettbewerb gewährleisten zu können, hat man etwa ein Verbot von Mehrheitsbeteiligungen an Fußballklubs (bzw den von ihnen betriebenen Kapitalgesellschaften) oder das viel diskutierte Financial Fair Play-Reglement verankert. Zielvorgabe war es dabei stets, die Integrität des Klubfußballs zu sichern und das Auseinanderklaffen der Schere zwischen den kleinen, finanzschwachen und großen, finanzstarken Klubs hintanzuhalten.

Ähnlich dem volkswirtschaftlichen Modell der sozialen Marktwirtschaft ging es auch im Fußball um Umverteilung und finanzielle Ausgewogenheit. Ein Modell, das sich über Jahrzehnte bewährt hat und den europäischen Klubfußball im internationalen Vergleich zu Höhenflügen abheben ließ. Untermauert durch das sogenannte Ein-Platz-Prinzip und die daraus resultierende Monopolstellung der UEFA schien dieses Modell zunächst auch auf einem stabilen Fundament zu stehen. Doch allmählich geriet ins Wanken, was lange Zeit als Grundpfeiler des europäischen Fußballs gepriesen wurde. Schließlich bringen die UEFA-Integritätsbestimmungen gravierende Wettbewerbsnachteile für die europäischen Topklubs, die sich über die letzten Jahre zu international agierenden Unternehmen entwickelt haben, mit sich.

JURISTISCHE EINSCHÄTZUNG
Aus Sicht des Juristen interessiert vor allem die Frage, inwiefern sich die Idee einer European Super League überhaupt umsetzen lässt. Dies vor dem Hintergrund, dass die UEFA ausdrücklich verankert, dass „Klubs … außerhalb ihres eigenen Verbandsgebiets ohne Bewilligung der entsprechenden UEFA-Mitgliedsverbände weder Spiele austragen noch organisieren [dürfen]“ (Art. 51 der UEFA-Statuten).

Zweifellos würde die Schaffung eines grenzüberschreitenden Liga­bewerbs gegen Art. 51 der UEFA-Statuten verstoßen, schließlich kann aus heutiger Sicht nicht mit der Zustimmung der betroffenen Nationalverbände gerechnet werden. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass Adressat des UEFA-Statuts grundsätzlich nur deren Mitglieder, also primär die nationalen Fußballverbände und (zumindest) indirekt die einzelnen Klubs sind. Im Umkehrschluss heißt das: Würde sich ein Klub gänzlich von der UEFA und seinem Nationalverband lösen, indem er unter anderem keinen Antrag auf Lizenzerteilung mehr stellt, gilt auch das UEFA-Statut nicht mehr für ihn. Im Ergebnis ist daher die Implementierung eines UEFA-unabhängigen Ligaformats an sich denkbar, dies allerdings nur außerhalb des Wirkungsbereichs der UEFA und der nationalen Fußballverbände.

FAZIT
Aus rein wirtschaftlicher Sicht erscheint es nachvollziehbar, dass europäische Topklubs den Schranken der UEFA durch die Schaffung eines eigenen Ligaformats zu entkommen versuchen. Auch juristisch wäre die Umsetzung der Super League möglich; freilich aber nur einhergehend mit einer völligen Emanzipierung von der UEFA und den Nationalverbänden. Dass damit weitreichende Konsequenzen verbunden wären, steht außer Frage. Zweifelsohne ist davon auszugehen, dass die etablierten Verbände (FIFA, UEFA und nationale Verbände) mit Blockaden reagieren würden, etwa durch Nichtberücksichtigung des Spielplans der Super League Klubs im Rahmen der Koordinierung der Spieltermine von FIFA WM- und UEFA EM-Endrunden.

Aus heutiger Sicht bleibt daher fraglich, ob die Aufregung um die European Super League vorerst nicht nur Druckmittel der Topklubs ist, um mehr vom Kuchen der UEFA-TV-Gelder abzubekommen. Gleichzeitig kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass die Idee eines UEFA-unabhängigen Ligabewerbs schon in absehbarer Zeit Realität wird. Letzten Endes ist eben alles eine Frage des Geldes.

FOTO: GEPA Pictures

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