Warten auf Oktober

Die Geschehnisse rund um die Judo-Weltmeisterschaft 2021 sind schwer zu durchschauen. Alles spitzt sich auf den 12. Oktober zu.

Das kleine Österreich ist eine große Nummer im internationalen Judo. Im olympischen Sommersport gelten die Judokas oftmals als Anwärter auf Medaillen – was in Österreich und gerade im Sommersport nicht unbedingt immer der Fall ist. Doch derzeit rumort es im Verband, Hintergrund ist die Austragung der Weltmeisterschaften im Jahr 2021.

VERGABE MIT STRACHE
In Aserbaidschan fixierten im September 2018 der damalige Präsident des Österreichischen Judoverbandes (ÖJV) Hans Paul Kutschera und Ex-Sportminis­ter und Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der FPÖ die Austragung der Judo-WM 2021 in Wien. Nach dem Ibiza-Skandal, dem folgenden Rücktritt Straches und dem Aus der ÖVP-FPÖ-Regierung hängt nun seit dem Frühjahr die WM am seidenen Faden. Der Ministerrat hatte unter Altkanzler Sebas­tian Kurz noch beschlossen, das zwölf Millionen Euro teure Event durchzuführen. Sechs Millionen davon würden an den Weltverband gehen – Lizenzgebühren. Eine Million Euro sollten Preisgelder sein. Zwei Millionen Euro hätte die Stadt Wien aufbringen sollen. Allerdings war diese in den Bewerbungsprozess gar nicht eingebunden. Das stößt der SPÖ-geführten Wiener Stadtregierung auf, wie Sportstadtrat Peter Hacker im Juni gegenüber Radio Wien erklärte: „Wir waren überhaupt nicht eingebunden. Und wenn ich es richtig verstehe, gibt es die Zusage schon vom Juli 2018. Auf gut Deutsch haben die Gespräche mit uns begonnen, nachdem es die Zusage gegeben hat.“ Die Judo-EM 2010 war der Stadt Wien übrigens 210.000 Euro wert.

RÜCKABWICKLUNG?
Wien war auch der einzige Bewerber, doch die Sachlage zwischen Politik und Sport ist komplex. Noch Ende Mai hatte Kutschera im Standard eine Rückabwicklung der Bewerbung überlegt, obwohl schon zwei Millionen Euro an Gebühren, die erste von drei Tranchen, geflossen sein dürften. Im Jänner habe der Bund zwei Millionen überwiesen, diese wären weitergeleitet worden. Der erwähnte Ministerratsbeschluss soll zudem, obwohl es um Millionen geht, sehr kurz gehalten worden sein.

RÜCKTRITTE
Die gesamte Lage wurde zusehends unübersichtlicher. In den vergangenen Wochen ist ein Großteil des Vorstandes des ÖJV zurückgetreten, eine Neuwahl ist notwendig. Ob Hans Paul Kutschera noch einmal antreten wird, scheint offen. Er ortet eine Intrige. Einen sogenannten Maulwurf dürfte es gegeben haben. Kutschera hat über eine Rückabwicklung weiter nachgedacht, wie aus einer den Ober­österreichischen Nachrichten zugespielten Mail hervorgeht. Der Weltverband war nicht erfreut – und wartet auch auf die zweite Tranche, die nach einem Aufschub  Ende September fällig wäre. Anfang September wiederum tat Weltverbandspräsident Marius Vizer seine Unterstützung für Kutschera kund.

VERWEIS AUF 12.10
Der Judoverband wurde freilich kontaktiert, um zu den gegenwärtigen Vorgängen Stellung beziehen zu können. Allerdings wird auf die Neuwahl des Vorstands am 12. Oktober verwiesen, wie Color of Sports per Mail mitgeteilt wurde: „Präsident Dr. Kutschera hat gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass am 12. Oktober 2019 eine außerordentliche Generalversammlung mit Neuwahl des ÖJV-Vorstandes stattfinden wird. Danach wird der Vorstand sicher zu Ihren Fragen Stellung nehmen können.“

DURCHFÜHRUNG
Wer die Berichterstattung rund um die (mögliche) Judo-WM verfolgt, merkt, dass weder die Stadt Wien noch weitere, ehemalige Vorstandsmitglieder einer Durchführung gegenüber abgeneigt sind. Inwiefern die stattfinden wird, hängt wohl von zwei Wahlen ab: der Nationalratswahl am 29. September und der Vorstandswahl am 12. Oktober. So gibt der Judoverband gegenwärtig – zumindest nach außen hin – das Bild eines chaotischen Sportverbandes ab. Im Inneren dürften aber die Weichen gestellt werden – ob das dann auch zur WM 2021 Klarheit bringt, ist offen.

FOTO: GEPA Pictures

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