Yoga? Sport? Geld?

Yoga ist im Trend, gut für den Körper und zudem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Aber Achtung!

Yoga? Das ist doch gar kein Sport! Stimmt, denn dieser über viele tausend Jahre entwickelte ganzheitliche Übungsweg für Körper, Geist und Seele basiert auf einem philosophischen Hintergrund, wie z.B. den Yoga-Sutren des Patanjali . Doch auch Spitzensportler machen Yoga, etwa der ehemalige Weltklassespieler David Beckham, die Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner, angeblich auch Lionel Messi. England-Trainer Gareth Southgate lässt es in sein Training einfließen und erreichte überraschend das WM-Halbfinale. Wenn also die besten Kicker der Welt oder eine Frau, die alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske erklommen hat, sportliche Spitzenleistungen mit Unterstützung von Yoga erreichen können, dann ist diese Praxis sicher ein wichtiger Faktor im Sport. Yoga bietet auch für SportlerInnen viele hilfreiche Übungen: In den Asanas, den Körperübungen, helfen Dehnungen und Entspannungsübungen, die Muskeln zu verlängern, zu lockern und zu entspannen. Die Atemtechniken, Pranayama, vertiefen die Atmung, weiten die Atemräume und führen Energie zu. Der Atem ist im Yoga Lebensenergie, das Prana, vergleichbar mit dem Qi im chinesischen Qi Gong. Yoga ist Meditation, ein Weg nach innen, und hilft, im Hier und Jetzt anzukommen, sich zu fokussieren und zu konzentrieren. Im Moment voll und ganz da zu sein, ist sicher ein wesentliches Element im Spitzensport.

DER BOOM
Doch Yoga ist nebenbei auch ein gutes Geschäft, manche sprechen gar von einem Boom. In der Fachliteratur wird davon gesprochen, dass vor allem in den 1980ern eine Professionalisierung stattfand, seitdem eine Kommerzialisierung. Es gibt beinahe unzählig viele Anbieter, selbst Hotels, die etwas auf sich halten, bieten Yoga an. Hinzu kommen Wochenenden oder auch ein- und mehrwöchige Retreats, Rückzugswochen. Durch eine Gästebefragung der Österreich Werbung in Kooperation mit allen Landestourismusorganisationen wurde in Erfahrung gebracht, dass acht Prozent der Befragten im Winter 17/18 Wellnessurlaub machten, weitere zwei Prozent einen Gesundheitsurlaub. Zwei Prozent gaben an, Yoga als Aktivität auszuführen. Das mag nicht nach allzu viel klingen, aber es ist doppelt so viel wie etwa Bergsteigen Die Gründe für Yoga liegen laut einer deutschen Untersuchung auf der Hand: „Die Hauptgründe für den Beginn einer Yoga-Praxis sind nach dieser Studie die „erbesserung des körperlichen Befindens (66 %) und die Verbesserung des geistigen Befindens (64 %). Weiters werden häufig die Steigerung der geistigen (53 %) und der körperlichen (58 %) Leistungsfähigkeit genannt.“

FREIES GEWERBE
Color of Sports hat mit Nora Gresch von Yoga Austria – BYO, dem Berufsverband der Yogalehrenden in Österreich, gesprochen, um herauszufinden, wie viele Menschen nun tatsächlich Yoga praktizieren. Zum Beruf YogalehrerIn gibt es ein grundsätzliches Problem: „In Österreich ist YogalehrerIn ein offenes Gewerbe und kann grundsätzlich von jedem und jeder, der oder die sich dazu berufen fühlt, unterrichtet werden.“ Wer sich also entschließt, Yoga zu praktizieren, könnte unter Umständen darauf bestehen, einen entsprechenden Ausbildungsnachweis zu sehen – die Ausbildung wird aber eben von verschiedenen Einrichtungen angeboten. Gresch: „Als Berufsverband treten wir für eine qualifizierte Ausbildung und Professionalisierung des Berufes ein. Unter anderem deshalb, da es unter nicht qualifizierten Anleitungen von Yogaübungen zu Schädigungen kommen kann.“ Der BYO nimmt beispielsweise nur Yogalehrende auf, die eine (mindestens) zweijährige und 225 Stunden umfassende Ausbildung absolviert haben. Nachfragen sollte man also.

ZAHLEN, BITTE!
Eine genaue Zahl, wie viele Personen in Österreich Yogakurse besuchen, liegt leider nicht vor. Eine entsprechende Untersuchung in Deutschland ergab, dass der Anteil derer, die Yoga regelmäßig praktizieren, zwischen 2014 und 2018 von drei auf fünf Prozent gestiegen ist. Insgesamt sollen 16 Prozent der deutschen Bevölkerung bereits Yogaerfahrung haben. Auf Nachfrage kann Yoga Austria – BYO bestätigen, dass die prozentuelle Größenordnung auch auf Österreich zutrifft. Was den Umsatz mit Yoga betrifft, kann ebenfalls nur geschätzt werden. Weltweit soll sich der Markt auf ein Volumen von 42 Milliarden Euro Umsatz belaufen. Genaue Wirtschaftszahlen gibt es für Österreich leider nicht, auch die Wirtschaftskammer konnte keine Auskunft darüber geben.

ALLGEGENWÄRTIG
Yoga ist aus dem Alltag vieler Menschen, in der Urlaubsplanung, im Fitnesscenter und auch sonst kaum noch wegzudenken. Der ORF sendet am Spartenkanal ein eigenes Magazin aus, der Sojamilich-Produzent Yoja richtet seit Jahren die Yoga-Convention aus. Wer „Yoga+Österreich“ sucht, erhält über 40 Millionen Ergebnisse.

Wie verortet sich Yoga nun selbst? Die Kommerzialisierung ist dabei ein zweischneidiges Schwert. Das AMS listet den Beruf „Yogalehrer“ als mit Tendenz steigend wichtigen Berufszweig – und auch das Label als „Sport“ ist letztlich hinterfragenswert. Yoga kann für Sportler von großer Bedeutung sein. Durch die geschulte und verfeinerte Wahrnehmung kann zum Beispiel gezielt mit muskulären Verkürzungen anhand von Yogaübungen gearbeitet und erfahren werden, was für eine Entspannung notwendig ist.

NOCHMALS: KEIN SPORT!
Yoga in all seinen Anwendungsarten ist für den Körper und den Geist positiv. Das bestätigt auch ein mittlerweile eineinhalbjähriger Selbstversuch. Neben den psychischen Aspekten erhöht sich auch die Beweglichkeit. Dennoch wäre es vermessen, Yoga grundsätzlich als Sportart aufzufassen.

Yoga Austria – BYO: „Es täte dem Yoga gut, wenn er in den Medien nicht immer wieder fälschlich als Sportart bezeichnet würde und die Abbildungen nicht vorwiegend durchtrainierte Männer und Frauen zeigen würden, die sich meistens in extremen Körperhaltungen befinden. Mit solchen Bildern und seltsamen neuen Yogatrends wie Nacktyoga oder Stand-up-Paddling-Yoga wird mit Leistungsdruck und marktschreierischen Yogaarten ein Bild des Yoga vermittelt, das seinem eigentlichen Sinn völlig widerspricht.“

FOTO: Eva Panny

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